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Im Brennpunkt

Mi 15.05.2013 09:23

Aus dem "Freien Wort": Das Körnchen Salz in Thüringens Suppe

Der Kali-Abbau an der Werra durch den Kasseler Großkonzern K+S ist ein Milliarden-Geschäft. Doch der Preis dafür ist hoch: Salzlauge bedroht das Grundwasser, verändert die Natur. Dabei könnte eine alternative Abbau- methode alles ändern.
Von Yvonne Reißig
Sondershausen/Gerstungen - Die Wiese hinter der alten Schachtanlage ist idyllisch. Nach dem langen Winter sprießen unermüdlich die Blumen. Sie schimmern zartgrün. Doch es sind keineswegs nur die für die Region typischen Pflanzen, die hier gedeihen wie Gänseblümchen, Löwenzahn und Co. Vielmehr wächst hier auch der Queller wunderbar. Die fleischigen Stängel lieben Feinschmecker vor allem im Salat. Sie bringen einen Hauch von Salz, Fisch und Meer auf die Zunge. Am besten wächst er natürlich oben an der Küste. Doch seit Jahren auch hier, an der thüringisch-hessischen Grenze, in der kleinen Werra-Gemeinde Dippach. Auch hier im westlichen Zipfel Thüringens liegt ein Hauch Wattenmeer in der Luft.
Tilo Kummer kommt bevorzugt an diesen Ort, füllt kleine Gläser mit Wasserproben. "Der Salzgehalt nimmt ständig zu", sagt er. An diesem Flecken Erde spiele die Natur völlig verrückt. Der Linkspolitiker ist Vorsitzender des Umweltausschusses im Thüringer Landtag und untersucht seit Jahren die Salzkonzentration an der Werra. "Vor Jahren war das noch ein normales Feld, aber nun wächst die Salzfläche immer weiter." Nur wenige hundert Meter weiter fließt die Werra. Im Wasser treiben Brackwasseralgen. Auch diese sind normalerweise in der Ostsee beheimatet.
Auch im fünf Kilometer entfernten Gerstungen (Wartburgkreis) ist die Salzkonzentration binnen kürzester Zeit gut um das 70fache gestiegen, sagt Bürgermeister Werner Hartung. Er fürchtet um die Trinkwasserbrunnen in seinem Ort. Mehrere Messstellen registrierten alarmierende Werte. "Potenziell ist das Trinkwasser in der gesamten Werra-Region bedroht, nicht nur bei uns in Gerstungen", mahnt Hartung. Vor allem dann, wenn Salzwasser aus dem Untergrund aufsteigt und das darüberliegende Süßwasser verdrängt. Riesige Salzberge wie der Monte Kali in der Landschaft, Salz in der Werra, Salz auf den Wiesen und immer höhere Salzwerte im Grundwasser - die Verseuchung der Region sei der Preis des Kali-Bergbaus, sagt der Bürgermeister.
Allerdings gab und gibt genau dieses unheilvolle Milliarden-Geschäft des Kasseler Düngemittelherstellers K+S vielen Menschen in der Mittelgebirgsregion zwischen Kassel, Fulda und Eisenach Lohn und Brot. Doch jede Tonne Kali-Dünger, die entlang der Werra aus dem Untergrund kommt, belastet die Umwelt mehr.
Auf eine Million Tonnen Dünger kommt die fünffache Menge Rohsalz, die erst einmal an die Erdoberfläche gefördert wird. Das meiste davon landet auf den Abraum-Halden oder als Lauge im Abwasser. So leitet K+S jährlich mehrere Millionen Kubikmeter Salzlauge in die Werra ein. Nochmals die gleiche Menge wird tief in den Untergrund gepumpt. So entstand ein gigantischer, unterirdischer Salzsee, der mit 500 Quadratkilometern Fläche fast so groß ist wie der Bodensee. Wo er genau liegt, weiß niemand. Klar ist nur, dass es ihn gibt, denn in den vergangenen 80 Jahren landeten etwa eine Milliarde Kubikmeter Salzabwasser unter Tage.
Die Lauge wandert
Bis vor einem Jahr haben hessische und thüringische Behörden diese Einleitung der Abwässer großzügig genehmigt. Inzwischen erhöht sich der Druck durch neue Wasserschutzvorschriften und EU-Richtlinien. Hinter verschlossenen Türen wird nun über Lösungen debattiert. Zum einen soll der Kali-Bergbau gerettet und der Profit des Salzkonzerns nicht geschmälert werden. Immerhin geht es um tausende Arbeitsplätze. Zum Anderen muss die Natur schnellstmöglich und nachhaltig geschont werden, mahnt Walter Hötzel, Vorsitzender der Werra-Weser-Anrainerkonferenz.
Alles kein Problem, versicherten lange die zuständigen Behörden. Schließlich befinde sich einige hundert Meter unter der Erdoberfläche eine poröse Gesteinsschicht, der Plattendolomit, der sich ideal als Speicher eigne. Doch Pusteblume. Genau das, wovor der Thüringer Geologe Fritz Deubel schon in den vierziger Jahren gewarnt hatte, trat nun ein: Die Brühe wandert im Untergrund. Ein Fünftel, so die aktuelle Bilanz, sei bereits über Quellen und "diffuse Einträge" in die Werra gelangt. Schlimmer noch: 300 Millionen Kubikmeter Salzabwasser seien in den Buntsandstein darüber geflossen, aus dem auch das Trinkwasser gewonnen wird. Also müssen schnellstmöglich neue Lösungen her.
Doch wohin mit der salzigen Brühe? In den Fluss, wie es die DDR seit 1968 machte, weil sie Sorge um ihre Brunnen hatte? Das verhindert schon die EU, die den Ländern vorschreibt, ihre Gewässer bis 2015 in einen "guten ökologischen Zustand" zu bringen. In der Werra muss die Belastung mit Chlorid bis dahin auf maximal 200 Milligramm pro Liter gesenkt werden. Derzeit ist das 12,5-Fache erlaubt. "Der Ernst der Lage" sei der Unternehmensführung durchaus bewusst, versichert ein K+S-Sprecher.
Dabei gibt es durchaus andere Abbaumethoden. Sogar K+S hat schon in den siebziger Jahren ein elektrostatisches Verfahren entwickelt. Mit diesem können bestimmte Mineralsalze auf trockenem Weg getrennt werden. Dadurch fielen weniger Abwässer an, zugleich aber wuchsen die Halden. Ebenfalls ein Problem. Regnet es auf die Halde, suppt das Salz unten weg. Dadurch entsteht wiederum neue Salzlauge. Die größte Halde liegt im Werra-Städtchen Heringen. Ein grauweißer Berg, 250 Meter hoch, 1100 Meter lang, 700 Meter breit. Die Einheimischen nennen das Monstrum Monte Kali. Dagegen sieht sogar die Cheops-Pyramide geradezu niedlich aus.
"Prinzipiell möglich" wäre es allerdings schon, die Halde abzutragen und wieder unter Tage zu schaffen, war dereinst von K+S zu hören. Doch das sei zu teuer. Acht Euro pro Tonne, hieß es vor Jahren. Dabei verdiene der Konzern sein Geld damit, "dass wir etwas aus dem Berg rausholen, und nicht, dass wir etwas hineinbringen".
Das stimmt so nicht ganz: K+S bringt pro Jahr auch mehrere hunderttausend Tonnen Müll untertage und entsorgt sie so für viel Geld in alten Bergwerksstollen. Allein für die Grube in Unterbreizbach liegt ein neuer Antrag vor. Dabei geht es um 270 000 Tonnen Restmüll.
Hohlräume verfüllen
Doch es gebe noch andere technische Alternativen für die Kaliproduktion, sind sich Werner Hartung und Walter Hötzel einig. "Die K+S Kali GmbH hat auf Anregung des niedersächsischen Abgeordneten Ronald Schminke zwei ihrer Abwässer bei der K-UTEC AG Sondershausen untersuchen lassen und eine Machbarkeitsstudie in Auftrag gegeben", so Hötzel. Die Ergebnisse sollen seit September 2011 vorliegen.
Gut 80 Prozent der in den Abwässern enthaltenen Wertstoffe könnten noch gewonnen und der Rest soweit eingedickt werden, dass er problemlos chemisch verfestigt und untertage eingelagert werden könne, heißt es in der Studie. Zudem, sagt K-UTEC-Chef Heiner Marx, sei die Methode der Untertagelagerung kaum teurer. Mit dem Material könnten Hohlräume im Berg verfüllt werden und so die Stützpfeiler, die wiederum aus Kali-Rohstoff bestehen, abgebaut werden. "Aus einem Problemfall wird so ein neues Geschäft: Arbeitsplätze werden gesichert und der Gewinn des Unternehmens steigt", versichert Walter Hötzel.
Und die K-UTEC AG Salt Technologies in Sondershausen weiß durchaus, wovon sie redet. Sie blickt inzwischen auf fast 60 Jahre Kaliforschung und -abbau zurück. Wenngleich die wirklich eigene Firmen-Geschichte erst nach der Wende begann. Seitdem verläuft sie aber national wie international überaus erfolgreich. In etwa 15 bis 20 Ländern ist das Unternehmen derzeit tätig, von Südamerika über Südostasien bis Nordafrika. Die Mitarbeiter konzipieren für die Kunden Salzaufbereitungsanlagen und begleiten sie bis zur Inbetriebnahme.
Projekte zur Salzgewinnung laufen derzeit in Indien, Peru und im Iran. Mancher habe mitten in der Wüste einen ausgetrockneten Salzsee. Zwischen den Unmengen von Steinsalz gebe es ein wenig Kali. In einer Konzentration, die den Abbau eigentlich nicht lohne. Aber man habe eine kostenlose Energiequelle: die Sonne. Man müsse nur herausbekommen, in welcher Abfolge die verschiedenen Salze kristallisieren, so dass man sie trennen könne. So lasse sich auch dieses Kali wirtschaftlich sinnvoll gewinnen, erklärt Marx. Doch zugleich gehe es natürlich auch um das eigene Land, um Kalihalden oder Hohlräume in den Bergbauregionen gleich um die Ecke.
Kosten angeblich zu hoch
Deshalb sollte K-UTEC auch ein weiteres Gutachten zur Reduzierung der Salzlauge in der Werra-Region erstellen. Das sollte schon Anfang des Jahres beauftragt werden. Seit September 2012 lag der Beschluss des Runden Tisches für Gewässerschutz Werra/Weser und Kaliproduktion vor. Doch beauftragt wurde es nie, bestätigte der Leiter des Runden Tisches, Hans Brinckmann. Die Kosten seien zu hoch. Aber es solle weitere Gespräche mit K-UTEC geben. Am 6. Juni werde dazu eine Arbeitsgruppe tagen. Zum Runden Tisch gehört auch K+S.
Das Unternehmen hat in den Jahren 2011 und 2012 über 1,5 Milliarden Euro Gewinn gemacht. Mit diesem Ergebnis sollte es nicht nur möglich, sondern auch Verpflichtung sein, die Chance zur Umweltverbesserung und zur Sicherung der Arbeitsplätze aufzugreifen, sagt Hartung. Warum sich K+S weiterhin hartnäckig sträube, darüber könne man nur spekulieren. Während der Konzern in Kanada mit rund 2,4 Milliarden Euro in die Zukunft investiert, soll das Geld in der Werra-Region nicht einmal für ein Gutachten reichen.
Ein Sprecher des Konzerns erklärte, dass der angestrebte Gutachtenauftrag vor allem deshalb nicht erteilt wurde, weil der Auftrag vom Runden Tisch und das daraufhin von K-UTEC vorgelegte Angebot nicht in Übereinstimmung gebracht werden konnten. Zudem irre Bürgermeister Hartung, wenn er annehme, dass das von K+S "großspurig angekündigte Maßnahmenpaket zum Gewässerschutz versandet". Es "befindet sich exakt im Plan". Darüber hinaus sei durch laufende Optimierungs- und Einsparmaßnahmen das Aufkommen an Salzabwasser im Werk Werra seit 2007 bereits um rund 30 Prozent gesenkt worden".
Unterdessen sprießen in Gerstungen und Dippach Pflanzen wie in den Salzwüsten der Erde. Und die Pfützen riechen irgendwie nach Chlorid.
Die Firma K-UTEC
Die K-UTEC AG Salt Technologies in Sondershausen ist im Jahr 2008 aus einer Umfirmierung der Kali-Umwelttechnik GmbH hervorgegangen. Sie ist die privatisierte Nachfolgegesellschaft des ehemaligen Kali-Forschungsinstituts der ostdeutschen Kaliindustrie. Die Gründung der neuen Ingenieur- und Forschungsgesellschaft ermöglichte, das langfristig seit 1955 gewachsene wissenschaftliche Potenzial zu bewahren und entsprechend den Notwendigkeiten des sich wandelnden Wirtschaftslebens weiter zu entwickeln. Das Tätigkeitsfeld der K-UTEC AG reicht heute weit über die Anwendungen im Kalibergbau hinaus.

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