Aktuelles Gemeindeportrait Rathaus Bürgerservice Wohnen & Wirtschaft Freizeit & Tourismus Bildung & Soziales
Einheitsgemeinde Gerstungen
Ortsteile: Gerstungen | Lauchröden | Oberellen | Unterellen | Neustädt | Sallmannshausen
Ortsteil LAUCHRÖDEN
Aktuelles
Aktuelles
  Veranstaltungen  
  Bekanntmachungen  
  Ausschreibungen  
  Auftragsvergabe  
  Wahlen  
  Wetter  
  Amtsblatt  

Im Brennpunkt

Fr 29.10.2010 07:56

Gemeinden an der Werra holen Thüringens Umweltminister an den Gesprächstisch

"Die Soße steht direkt unter uns"
Von Ilga Gäbler
Gemeinden an der Werra holen Thüringens Umweltminister Jürgen Reinholz an den Gesprächstisch. Sie fordern vom Land mehr Rückhalt im Kampf gegen die Umweltschäden durch den Bergbau.


Gerstungen - Es brodelt im Land der weißen Kaliberge an der Werra. Wieder einmal - oder immer noch. Kommunen im Wartburgkreis, Bürgerinitiativen in Thüringen und Hessen machen weiter mobil gegen die Versalzung des Flusses und andere Umweltschäden durch den Bergbau. Für sie hat der Sünder einen Namen: K+S. Umzingelt fühlen sie sich von tickenden Zeitbomben für Mensch und Natur. Johannes Woth, Chef der Verwaltungsgemeinschaft Berka/Werra, zählt auf: "Die Werra ist versalzen, es wurde und wird Lauge verpresst, die Kaliberge wachsen und in der hessischen Nachbarschaft steht ein Müllofen. Außerdem arbeitet die größte untertägige Sondermülldeponie der Welt in Herfa-Neurode nahe Heringen."

Mehrfach zogen Gemeinden, Bürgerinitiativen und die Werra-Weser-Anrainerkonferenz, ein Zusammenschluss von Kommunen entlang beider Flüsse, vor Gericht, klagten gegen Genehmigungsbehörden und den Düngemittelkonzern K+S selbst. Einige Klagen sind noch anhängig. Es tagte ein sogenannter runder Tisch - einberufen von K+S und den Ländern Thüringen und Hessen. Er sollte Vorschläge unterbreiten, wie die Qualität des Werrawassers zu verbessern ist. Doch mit dem Ergebnis sind nicht nur die Gemeinden unzufrieden - auch Thüringens Umweltminister Reinholz.


Ein Bergmann sichert im Kali-Werk Werra des Grubenbetriebs Hattorf-Wintershall von K+S bei Philippsthal im Kreis Hersfeld-Rotenburg mit Firstankerbohrungen die Decke. Foto: dpa/Archiv
Bild:


Neuer "runder Tisch"?
Nun sitzen kommunale Vertreter und Bürgerinitiativen - unterstützt von Wartburgkreis-Landrat Reinhard Krebs (CDU) - erneut an einem Tisch im Gerstunger Rathaus. Der ist zwar eckig, aber seine Funktion ist ähnlich der des "runden Tisches". Die Thüringer Kommunen und die Anrainer von Werra und Weser fordern nach wie vor eine Lösung der Umwelt-Probleme vor ihrer Haustür. Minister Jürgen Reinholz (CDU) soll ihnen helfen im Streit um Werraversalzung und Laugenverpressung - mehr und wirksamer als bisher. Von ihm verlangen sie endlich eine härtere Gangart gegenüber dem börsennotierten Weltkonzern.

Kein Wunder, dass sich die Probleme vor dem Minister auftürmen - gleich der riesigen Abraumhalde, die man erblickt, wenn man in Gerstungen aus dem Fenster schaut. Freilich kennt Reinholz die wunden Punkte. Doch in solch geballter Ladung wie diesmal präsentiert man sie ihm nicht alle Tage.

Die Gemeinde Gerstungen zum Beispiel sorgt sich nun schon seit Jahren um ihr Trinkwasser. Zwar musste K+S die Verpressung von Salzlauge direkt vor den Ortstoren einstellen, doch das Problem blieb. Ulf Frank, der Chef des kommunalen Eigenbetriebes, der für das Trinkwasser von 6000 Abnehmern verantwortlich ist, führt Fakten an: Drei Brunnen musste die Gemeinde außer Betrieb nehmen und ein neuer konnte im Jahr 2003 erst gar nicht ans Netz gehen. K+S bestreitet noch immer der Verursacher zu sein. Kontrollbohrungen des Unternehmens, die Licht ins Dunkel bringen sollen, werden nach Ansicht der Gerstunger aber nicht an jenen Stellen angesetzt, die ein reelles Bild der Wasserverschmutzung durch Laugeneinträge zeigen. "Die bohren wie die Katze um den heißen Brei", winkt Bürgermeister Werner Hartung ab.

"Wieso kann das Land nicht bestimmen, wo gebohrt wird?" Diese Frage wird immer wieder am Tisch laut. Das sei geologisch und rechtlich schwierig, meint Eckart Bergmann, Referatsleiter im Erfurter Umweltministerium. Aber das wollen die Bürger-Vertreter partout nicht gelten lassen. Klaus Reinhardt von der Bürgerinitiative "Für ein lebenswertes Werratal" bringt es in Harnisch: "Ich habe ein Riesenproblem damit, dass wir gegenüber dem Konzern ohnmächtig sein sollen." Auch Alexander Reitinger, der Anwalt der Gemeinde Gerstungen, hakt ein: "Ein härteres Schwert als den Schutz des Trinkwassers gibt es in einer rechtlichen Auseinandersetzung nicht." Eigentlich, so die einhellige Meinung der kommunalen Vertreter, müsste K+S für sein Tun eine enorm hohe Abwasserabgabe zahlen.

Für Bürgermeister Werner Hartung ist das ein Stichwort. Er sagt: "Auch wenn in unserer Gemeinde keine Lauge mehr versenkt wird, die Gefahr fürs Trinkwasser ist längst nicht gebannt. Acht Kilometer entfernt von uns in Hessen geht die Verpressung weiter. Die Soße steht direkt unter uns." Hartung schätzt ein, dass ein Gebiet von Gerstungen bis Bad Salzungen und von Eisenach bis nach Bad Hersfeld betroffen ist. "Nahezu 700 Millionen Kubikmeter Salzlauge sind nicht da, wo sie sein sollten, im sogenannten Plattendolomit. Das gibt der Konzern selbst zu."

Generationen vergehen

Schnell wird deutlich, um über alle ökologischen Probleme zu sprechen, die die Förderung des Salzes mit sich bringt, reicht die Zeit nicht aus. So wird manches, was den Bürgern im Werratal auf den Nägeln brennt, in dieser Gesprächsrunde nur gestreift oder bleibt


Die Standorte des Kali-Werkes Werra in Thüringen und Hessen.



als Frage im Raum stehen. Beispielsweise: Welche Schadstoffe lauern in den großen Abraumhalden? Drohen neue Gebirgsschläge? Warum verlangt Thüringen von K+S keine Förderabgabe für das Salz wie andere Bundesländer auch? Was wird aus den mit Salzwasser getränkten Flussauen? Walter Hölzel, der Vorsitzende der Werra-Weser-Anrainergemeinschaft, geht davon aus, dass es mindestens zwei Generationen braucht, bis in diesen Auen wieder Trinkwasser gewonnen werden kann. Der Minister bittet, ihm einen Katalog aller Fragen zusammenzustellen. Und er verspricht, wiederzukommen, um sie zu beantworten.
Doch auf eine Frage wollen die Bürger-Vertreter sofort Antwort: Was wird mit der Einleitung von Salzwasser in die Werra? Ende 2011 läuft dafür die Genehmigung aus. "Mit der Direkteinleitung muss Schluss sein." Walter Hölzel ist unnachgiebig. Ulf Frank verdeutlicht das Ausmaß der Versalzung des Flusses an Hand von Zahlen. "Täglich gelangen etwa 10 000 Tonnen Salz in die Werra. Das sind 800 Lkw-Ladungen."

Bisher habe K+S noch keinen Antrag auf Genehmigung einer weiteren Laugeneinleitung in Thüringen gestellt, erklärt Minister Reinholz. "Stattdessen wollen die Brüder von uns wissen, was sie tun sollen. So läuft das nicht." Die Crux: Der Konzern verknüpft damit den Fortbestand des Kalibetriebes in Unterbreizbach im Wartburgkreis. "Thüringen wird die Genehmigung nicht erteilen", sagt der Minister bestimmt. Macht K+S jedoch Nägel mit Köpfen, wäre dann das Schicksal von Unterbreizbach besiegelt. Das aber muss nicht sein, darüber sind sich Minister und Bürger-Vertreter einig. "Die vernünftigste Lösung wäre, die Lauge einzudampfen und die festen Rückstände untertage einzulagern", ist der Minister überzeugt. Der viel zitierten Nordsee-Pipeline räumt er wenig Chancen ein, rechtlich grünes Licht zu bekommen. Das Wattenmeer, in das Salzlauge dann fließen würde, steht als Weltnaturerbe unter dem Schutz der Uneso.

Nach Ansicht von Walter Hölzel ist es heute technisch möglich, Kali rückstandsfrei zu produzieren. Eine Thüringer Firma stelle dafür sogar die Technik her. Die Verzögerungstaktik von K+S bei Genehmigungen erstaunt Hölzel nicht. "Das ist eine alte Masche." Er warnt: Politik dürfe sich nicht erpressbar machen. Ganz im Gegenteil. Sie müsse Maßstäbe setzen, bevor Anträge überhaupt auf dem Tisch kämen. Und in puncto Werra ist für ihn der Maßstab die europäische Wasserrahmenrichtlinie.

Arbeitsplätze erhalten



Gerstungens Bürgermeister Werner Hartung: "Die bohren wie die Katze um den heißen Brei."


"Erfüllt K+S die Bedingungen nicht, müssen eben Werke geschlossen werden", sagt Hölzel. Für Wartburgkreis-Landrat Reinhard Krebs ist das allerdings "eine äußerst schwierige Materie. Die Leute untertage sollten auch künftig ihren Arbeitsplatz behalten."

Ein Argument, das auch Gerstungens Bürgermeister Werner Hartung immer wieder zu hören bekommt. "Viele Kalikumpel wohnen in unseren Gemeinden. Aber sie verstehen auch unsere Ängste, wenn es um die Umwelt geht."

Klaus Reinhardt von der Bürgerinitiative bringt es indessen auf den Punkt: "Letztlich geht es doch um nichts anderes als eine um eine vernünftige Balance zwischen Ökologie und Ökonomie."

Quelle: Freies Wort

Download

Druckversion