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Im Brennpunkt

Mi 25.03.2009 10:51

Werratal in Not? Zur Übernahme von Verantwortung für Mensch und Umwelt durch K+S


Entsorgungspraxis

K+S hat an der Werra drei Standorte, davon befindet sich das Bergwerk Unterbreizbach in Thüringen und die Werke Hattorf und Wintershall in Hessen. Darüber hinaus befindet sich noch ein Werk in Neuhof-Ellers, in der Nähe von Fulda. Die Jahresförderung von Rohsalz beträgt an der Werra etwa 21 Millionen t.
Produktionsrückstände fallen in flüssiger und in fester Form an. Pro Jahr sind dies an der Werra etwa 14 Millionen Kubikmeter Salzabwasser (davon 11,5 Millionen Kubikmeter /a aus den beiden hessischen Werken und 2,5 Millionen Kubikmeter/a aus dem Thüringer Werk). Dazu kommen noch etwa 1 Million Kubikmeter/a aus dem Werk Neuhof-Ellers.
Diese Abwässer sind zum einen Produktionsabwässer und zum anderen Salzabwässer die durch den Niederschlag auf die drei großen Rückstandshalden entstehen. Von den 14 Millionen Kubikmeter Salzabwässer werden etwa 7 Millionen Kubikmeter direkt in die Werra eingeleitet und 7 Millionen Kubikmeter in den Untergrund versenkt. Die 1 Million Kubikmeter/a aus Neuhof werden zurzeit per Lkw und Bahn an die Werra gefahren und hier entsorgt. Pro Jahr fallen zusätzlich etwa 17 Millionen Tonnen feste Rückstände an, die auf den Halden in Hattorf, Wintershall (Heringen/W.) und Neuhof abgelagert werden.
Die derzeitigen Haldengrößen betragen etwa 100 Millionen Tonnen in Hattorf (genehmigt auf 205 Millionen Tonnen) und etwa 145 Millionen Tonnen in Wintershall (genehmigt auf 275 Millionen Tonnen). Die Haldengröße in Neuhof dürfte in einer ähnlichen Größenordnung liegen, ist dem Verfasser jedoch nicht bekannt.

Um die Werra zu entlasten, begann man um 1925 einen Teil der Salzabwässer in den Plattendolomit, eine poröse Gesteinsformation in etwa 500m Tiefe zu versenken. Die Theorie der Kaliindustrie sagte hierzu, dass der Plattendolomit eine nach oben und unten abgedichtete Gesteinsformation sei. Diese Gesteinsschicht sollte das Salzabwasser sicher aufnehmen können, ohne darüber liegende Grundwasserschichten, die auch zur Trinkwassergewinnung genutzt werden, zu beeinflussen.
An der Werra wurden in verschiedenen Versenkgebieten seit 1925 etwa 1 Milliarde Kubikmeter Salzabwässer in den Plattendolomit verpresst. Dies entspricht in etwa der Größe des Bodensees. Das betroffene länderübergreifende Gebiet ist etwa 500 Quadratkilometer groß und liegt zwischen Bad Hersfeld, Bad Salzungen und Eisenach.
In Folge der Versenkung kam es zum Ausfall mehrerer Trinkwassergewinnungs-anlagen in Hessen und Thüringen, zum Aufstieg von versenkten Salzabwässern in Thüringen bis in die Keller von Gebäuden, oder in Hessen bis in obere Grundwasserschichten in Ortslagen, zum flächenhaften Aufstieg in den Werraauen und zu punktuellen Austritten in fast unverdünnter Form auch in der Nähe der A4. Die Anreicherung von Salzen im Boden und in den oberen Grundwasserschichten führt zur vorzeitigen Zerstörung von Abwasserkanälen, Wasserleitungen, Fundamenten und Wasserbauwerken. Wiesen, Felder und Äcker werden belastet. Die Viehhaltung in den Werraauen bekommt Probleme.
Im Herbst letzten Jahres machte das Hessische Ministerium für Umwelt, ländlichen Raum und Verbraucherschutz eine Studie über den Verbleib der versenkten Salzabwässer öffentlich. Das Ergebnis war schockierend. Von den bisher versenkten Salzabwässern befinden sich nur noch etwa 40-43 Prozent im eigentlichen Speicherhorizont, dem Plattendolomit. 20-30 Prozent sind bereits aufgestiegen und als diffuser Eintrag durch den Buntsandstein in die Werra gelangt. Vor der Wende nannte man die diffusen Einträge beim Namen - man bezeichnete sie als Versenkrückläufe. Im Jahr 2003 zum Beispiel führten alleine die diffusen Einträge dazu, dass der Chloridgrenzwert in der Werra bei Niedrigwasser über mehrere Wochen überschritten wurde. Die restlichen 30-37 Prozent befinden sich im Grundwasserleiter Buntsandstein und können derzeit noch nicht lokalisiert werden. Eine Beschränkung auf die Werra-Aue ist unwahrscheinlich. Es kann nicht ausgeschlossen werden, so das Ministerium, dass die verbliebene Trinkwasserversorgung langfristig in Mitleidenschaft gezogen wird. Das Hessische Landesamt für Umwelt und Geologie empfiehlt eine sofortige Einstellung der Versenkung. In Summe handelt es sich hier um etwa 300-350 Millionen Kubikmeter Salzabwässer die sich im Buntsandstein befinden und dort an dem Grundwasseraustausch teilnehmen.
Ohne hier ein Horrorszenario malen zu wollen, soll einmal das rein theoretische Gefährdungspotential betrachtet werden. Ein Liter Salzabwasser hat einen Chloridgehalt von etwa 60 g/l, das sind 60.000 Milligramm pro Liter. Der Grenzwert für Chlorid im Trinkwasser beträgt 250 Milligramm pro Liter. Ein Liter Salzabwasser kann also die 240-fache Menge Grundwasser für die Trinkwassergewinnung unbrauchbar machen. 300 Millionen Kubikmeter Salzabwasser können also 72 Milliarden Kubikmeter Grundwasser unbrauchbar machen. Zum Vergleich: der Jahresverbrauch der gesamten Bundesrepublik beträgt etwa 47 Milliarden Kubikmeter Trinkwasser. Also eine laut tickende Zeitbombe.
Um den Anteil der Halden an der Abwasserproblematik deutlich zu machen, soll das Beispiel Buggingen angeführt werden. Buggingen liegt in der Nähe von Freiburg am Oberrhein. In Buggingen wurde in den Jahren 1923 bis 1973 Kalisalz gefördert. Die salzhaltigen Reststoffe lagerte man mit Duldung der Behörden auf einer Halde ab. 20 Jahre später wurden im Abstrom der Halde erhöhte Chloridwerte gemessen. Die Salzabwasserfahne gefährdet unter anderem auch einen Trinkwasserbrunnen. Das zuständige Landratsamt verlangte die Sanierung der Halde vom Rechtsnachfolger K+S. Die K+S klagte dagegen und verlor, auch in letzter Instanz vor dem Bundesverwaltungsgericht. Zum Vergleich: die Halde in Buggingen ist 400.000 Tonnen groß, die beiden Halden an der Werra sind zusammen 250.000.000 Tonnen, als 625mal so groß.
Trotzdem hält K+S vor diesem Hintergrund weiterhin an der Absicht fest, in der Gerstunger Mulde eine dauerhafte Versenkgenehmigung vom Land Thüringen zu erhalten.
Hier wurde seit 1998 eine so genannte Bergerprobung mit Hilfe von insgesamt neun Änderungsgenehmigungen durch das Land Thüringen erlaubt. Dieser Entsorgungsweg sollte der K+S offen gehalten werden. Man muss schon sagen fast um jeden Preis, obwohl eine Gefährdung der örtlichen Trinkwasserdargebote schon vor Beginn der Versenkung dokumentiert war und im Laufe des Verfahrens immer deutlicher wurde. So wollten die DDR-Behörden zum Beispiel vor Beginn der damals bereits geplanten Versenkung 40 Millionen Mark investieren um Trinkwasser aus einer anderen Region überzuleiten. Man rechnete damals mit dem Ausfall von mehreren Brunnen mit einer Gesamtkapazität von 7500 Kubikmeter pro Tag. Ohne den massiven Widerstand der Gemeinde Gerstungen wäre wahrscheinlich auch der Antrag der K+S auf Dauerversenkung wie gewohnt ohne Probleme bereits von den Behörden genehmigt worden.

Probleme mit den Halden

Neben den Problemen welche sich aus dem Niederschlagswasser von den Halden und dessen Ableitung beziehungsweise Versickerung ergeben, besteht noch ein anderes Gefährdungspotential. In der Rohsalzaufbereitung werden chemische Hilfsstoffe sowohl in den flüssigen Löse- beziehungsweise Flotationsverfahren sowie im trockenen ESTA-Verfahren eingesetzt. Seitens K+S werden diese Hilfsstoffe mit dem Hinweis auf Patentsschutz nur sehr selektiv bekannt gegeben. Eine human- oder umwelttoxikologische Relevanz wird vehement bestritten. Aber nicht einmal den Genehmigungsbehörden waren Zusammensetzung und Menge dieser Stoffe vollumfänglich bekannt. Pro Jahr sind es mehrere tausend Tonnen dieser Hilfsstoffe. Diese Substanzen gelangen über das Niederschlagswasser in Oberflächen- und Grundwasser. So wurde zum Beispiel Bromphenol im Haldenwasser nachgewiesen. Darüber hinaus gelangt ein Teil dieser Substanzen über den Luftpfand durch Verwehungen schon bei mittleren Windgeschwindigkeiten in das Umland, auf landwirtschaftliche Nutzflächen und in bewohnte Gebiete. Man rechnet mit etwa 1000 Jahren bis die Halden durch Niederschläge hinweg gewaschen werden.

Probleme mit der Abluft und Abfall

Nicht genug, dass Gewässer und Böden durch Salze und chemische Hilfsstoffe der Kaliindustrie in Mitleidenschaft gezogen werden, auch für die Belastung der Luft will man noch etwas tun. Die Müllverbrennungsanlage Heringen soll in diesem Frühjahr in Betrieb gehen. Einziger Abnehmer von Dampf und Strom ist K+S. Müll ist der einzige Brennstoff, für den der Betreiber einer solchen Anlage auch noch Geld bekommt. Dafür kann man eine europaweite Anlieferung in Kauf nehmen, denn in der Region gibt es nicht genug Müll. Täglich sollen 1000 Tonnen Müll verbrannt werden. Das sind im Jahr 360.000 Tonnen. Davon bleiben täglich 300 Tonnen feste Rückstände wie Filteraschen und Schlacken zurück. 700 Tonnen verlassen dann nach unberechenbaren thermischen Reaktionen als Wasserdampf, giftige Gase und schwermetallbelastete Feinstäube die beiden Schornsteine. Wie wird das Gericht Ende April mit den sehr unterschiedlichen Immissionsprognosen der Antragssteller und der Anlagengegner umgehen? Die Abluft des Heringer Abwetterschachtes dürfte sich gegenüber der Müllverbrennung als eher harmlos erweisen. Hier gelangen ja nur die Verbrennungsrückstände von täglich 30 Tonnen Diesel und die Abgase von 40 Tonnen Sprengstoff an einem Punkt ungefiltert mitten in der Ortslage in die Umwelt.
Gut ins Bild passt da auch die Deponie in Herfa-Neurode. Dieser Betriebsteil der K+S ist die weltweit größte Untertagedeponie für Sondermüll. Bereits 2 Millionen Tonnen Giftmüll wurden hier eingelagert. Und dies gibt es nur in Deutschland, Sondermüll wir unter Tage als Baustoff "verwertet". Man nennt dies Versatz. Jährlich sind es bis zu 600.000 Tonnen Giftmüll, die ohne weitere Sicherheitsmaßnahmen zur "Stabilisierung" der Bergwerke eingebaut werden. Die EU hatte die Bundesregierung dafür bereits vor einigen Jahren abgemahnt, aber es geht weiter.

Ausblick

Festlegungen zum zukünftigen Umgang mit den Halden sollen erst nach Einstellung der Kaliproduktion in einem so genannten Abschlussbetriebsplan getroffen werden. Welche Spätfolgen die Versenkung haben wird, kann noch gar nicht abgeschätzt werden. Auch hier wird es einen Abschlussbetriebsplan gegeben. Dies wird jedoch nichts anderes bedeuten, als dass zukünftige Generationen von Steuerzahlern mit den Spätfolgen einer verfehlten Entsorgungspolitik umgehen müssen. Gewinne werden heute privatisiert und die Folgekosten werden zukünftig sozialisiert.
Durch die Feststellungen des hessischen Umweltministeriums und ein durch das Ministerium beauftragtes Rechtsgutachten scheint zumindest in Hessen eine Versenkung über 2011 hinaus nicht mehr möglich zu sein. In Thüringen wurde der Antrag der K+S auf weitere Versenkung, trotz Nachweise von schon vorhandenen massiven Laugeeinflüssen im Grundwasser bisher nicht abgelehnt.
Das hessische Umweltministerium hat der K+S im Sommer letzten Jahres mitgeteilt, dass mit Ablauf der geltenden Versenkgenehmigung 2011 mit hoher Wahrscheinlichkeit keine neuen Versenkgenehmigungen erteilt werden könne und die aktuell geltende Genehmigung neu geprüft werden muss. Im Herbst 2008 wurde von der K+S vor der Presse ein, angeblich in Eigeninitiative entwickeltes, so genanntes 360 Millionen € Maßnahmepaket vorgestellt, mit dem der Salzabwasseranfall in den Jahren 2011 bis 2015 halbiert werden soll. Die hier geschilderten zeitlichen Abläufe zeigen jedoch, dass dieses Maßnahmepaket in dem Wissen einer ab 2011 nicht mehr möglichen Versenkung erarbeitet werden musste. Sogar das im Sommer 2008 erstellte Rechtsgutachten nimmt auf die von K+S geplanten Investitionen bereits Bezug.
Spätestens 2011 wird sich zwischen dem Abwasseranfall und den derzeit bekannten Entsorgungskapazitäten eine Schere öffnen. Wenn K+S 2011 erst beginnen will die Maßnahmen zur Reduzierung der Abwassermengen zu realisieren, ab dem Jahr aber keine Versenkung mehr möglich sein sollte, bleibt dann nur der Entsorgungsweg Werra für die gesamten 14 Millionen Kubikmeter Salzabwasser. Erst im Jahr 2015 hätte man wieder den Zustand in der Werra wie heute. Die angekündigte Senkung des Grenzwertes für Chlorid auf 1700 Milligramm pro Liter soll nicht durch zusätzliche technische Maßnahmen erreicht werden, sondern dadurch, dass mit Einstellung der Versenkung die diffusen Einträge um die ermittelten 30 Prozent zurückgehen sollen. Ob dies aber so schnell passieren wird, ist mehr als fraglich.
Dieses geplante Szenario spricht gegen die Wasserrahmenrichtlinie (Verschlechterungsverbot) und gegen Beschlüsse des Hessischen und des Thüringischen Landtages. Diese legten fest, dass die Wasserrahmenrichtlinie auch für die Werra gelten solle und Grenzwerte nicht verlängert werden dürfen.
Also war wieder die der K+S wohl gesonnene Landespolitik gefragt. Es wurde in Windeseile eine öffentlich rechtliche Vereinbarung zwischen den Bundesländern Hessen und Thüringen und der K+S vorbereitet und am 04.02.2009, dem letzten Tag der hessischen CDU-Alleinregierung, unterzeichnet.
Diese Vereinbarung wird von den Gegnern als rechtswidrig bezeichnet, weil Grenzwerte verlängert und damit Landtagsbeschlüsse ignoriert wurden. Konkrete Maßnahmen werden in der Vereinbarung nicht festgelegt, sondern nur die Verpflichtung der Landesbehörden die noch zu beantragenden Vorhaben zügig zu genehmigen. K+S soll bis Mai 2009 sein 360 Millionen € Paket konkretisieren (was im Übrigen schon im Herbst 2008 vor dem Runden Tisch erfolgte). Mit Zustimmung zu den oben bereits geschilderten zeitlichen Abläufen wird damit direkt die Umsetzung der Wasserrahmenrichtlinie torpediert und der Kaliindustrie für die nächsten 30 Jahre freie Hand in Aussicht gestellt. Als kleiner Nebeneffekt wird die umstrittene Pipeline von Neuhof-Ellers an die Werra bereits zwischen den Zeilen festgeschrieben und dies ohne behördliches Genehmigungsverfahren.
K+S schreibt sich die Ausgewogenheit von ökonomischen, ökologischen und sozialen Zielen ins Stammbuch. Für mich ist diese leider nicht einmal ansatzweise zu erkennen. Die ohnehin begrenzte Übernahme von sozialer und ökologischer Verantwortung durch die Kaliindustrie funktioniert nur so lange, wie damit gleichzeitig eine Gewinnmaximierung möglich ist. Ein Pressesprecher der K+S hat dies auf einer öffentlichen Bürgerversammlung einmal so formuliert: "Wir sind nur unseren Aktionären verpflichtet."
Als die Gemeinde Gerstungen zum Schutz ihres Trinkwassers 2007 eine weitere Versenkung von Salzlauge in der Gerstunger Mulde ablehnte, kam es zu einem Treffen mit dem Staatssekretär des Thüringer Umweltministeriums. Grundtenor der Aussagen des Staatssekretärs war: Wenn die Gerstunger weiterhin auf Ihrem Widerspruch beharren, gefährden sie massiv die Kaliarbeitsplätze in Unterbreizbach. Es wurde also versucht, die politische Verantwortung für die Versenkung einfach als Schwarzen Peter nach Gerstungen zu schieben.
Wie sieht es K+S selber? "2008 war das mit großem Abstand beste Jahr in der über 100-jährigen Geschichte der K+S Gruppe."

25.03.2009
Ulf Frank
Werkleiter Gemeindewerke Gerstungen

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