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Im Brennpunkt

Sa 13.12.2008 06:01

Der Asterix aus Gerstungen

SCHWERE ORDNER: Ganze Regalmeter füllen inzwischen die agbehefteten Dokumente der Auseinandersetzung zwischen K+S  und der Gemeinde Gerstungen. Bürgermeister Werner Hartung trägt die Last.Gerstungens Bürgermeister Werner Hartung behauptet sich erfolgreich gegen den DAX-Konzern Kali und Salz. Dafür belastete er sich bis an seine Grenzen.

GERSTUNGEN. Der Vergleich drängt sich zwangsläufig auf. Auf der einen Seite der große Börsenkonzern "Kali und Salz", auf der anderen ein kleines Dorf, das tapfer Widerstand leistet.

Die Gallier Thüringens kommen aus Gerstungen und haben etwas dagegen, dass K+S unter ihrem schönen Dorf Lauge versenkt und das Trinkwasser verschmutzt. Es ist nur nicht so einfach zu sagen, ob Gerstungens Bürgermeister nun eher Asterix oder Obelix ähnelt. "Ich habe ein paar Kilos drauf bekommen", lacht Werner Hartung (pl) und tippt auf seinen Bauch. Eine kleine Kugel spannt sich unter dem Jackett, aber von Obelix-Maßen ist er weit entfernt.

Auf seinem großen Schreibtisch im Rathaus liegen schwere, rote Aktenordner und eine Schale mit Bonbons und allerlei Gummizucker. "Ich brauche das jetzt, weil ich nicht mehr rauchen darf", sagt Hartung. Bis zum Sommer hat er mindestens eine Schachtel am Tag weggepafft. Bis zum 30. August, als sein Herz den Dienst versagte - Infarkt, Krankenhaus, Kur. "Ich feiere jetzt zweimal Geburtstag, am 30. August und natürlich am 16. April", sagt der 55-Jährige. Nachdem er dem Tod von der Schippe gesprungen war, rieten die Ärzte zu etwas mehr Ruhe. Aber das ist leicht gesagt, wenn man sich mit einem großen Wirtschaftskonzern anlegt und gegen Anwälte, Fachleute und für den kurzen Draht in die hohe Politik kämpft. "Das bleibt in den Klamotten hängen", sagt Werner Hartung. Er versuche, etwas kürzer zu treten. "Das stimmt nicht. Es ist fast so schlimm wie früher", ruft Sekretärin Annette Schaub herüber. "Nein, nein, die Termine am Wochenende lasse ich jetzt meist bleiben", entgegnet ihr der Chef.

Hinter ihm liegt ein Jahr, das dem Anrennen gegen Windmühlen gleicht. Für den Düngemittelhersteller ist die Versenkung der Lauge in die Gerstunger Mulde wirtschaftlich extrem wichtig. Denn nur 50 Prozent der Industrieabwässer können in die Werra abgeleitet werden. Bis 2015 braucht das Unternehmen mindestens, um alternative Methoden umzusetzen. Dementsprechend wird mit harten Bandagen gefochten. "Wir mussten fast jede Akteneinsicht vor Gericht erstreiten", erinnert sich Werner Hartung. Doch nicht nur K+S selbst, auch die Kumpel aus Unterbreizbach waren wenig begeistert von Hartungs Kurs. "Es gab Anrufe, die gingen unter die Gürtellinie", berichtet der Bürgermeister und seine Handbewegung zeigt einem, hier nicht genauer nachzufragen. Immer wieder wurde ihm versichert, es dringt keine Salzlauge in den Buntsandstein ein, wo das Trinkwasser gewonnen wird. Allein die Gerstunger glaubten nicht daran.

Am 30. Oktober brachte eine Bohrung endgültig den Beweis, dass Salzabwässer das Grundwasser verunreinigen. Vorbei ist der Kampf damit noch nicht. Doch wenn es irgendetwas gibt, was Werner Hartung auszeichnet, dann ist es kämpfen. "Er ist einfach ein Typ, der nicht aufgibt und immer wieder aufsteht", beschreibt Klaus Reinhardt seinen Mitstreiter aus Gerstungen. Reinhardt ist Vorsitzender der Bürgerinitiative "Für ein lebenswertes Werratal". Sie helfen sich gegenseitig. Klaus Reinhardt sitzt mit am "Runden Tisch" zur Salzproblematik, Hartung unterstützt die Klage gegen die Müllverbrennungsanlage in Heringen.

Die Bürger aus Gerstungen stehen hinter ihrem Mann im Rathaus. "Zu 90 Prozent", schätzt Achim Schumacher. Der Rentner hat früher mit ihm im VEB Werra-Möbel Gerstungen zusammengearbeitet. "Wir sind begeistert von Hartungs Werner", sagt Schumacher und seine zwei Gesprächspartner nicken zustimmend. Sie sind sich sicher, dass er für ihr Wasser bis an seine Grenzen und darüber hinaus geht. "Wir waren überzeugt, dass er trotz des Herzinfarktes weiter machen wird", schildert Ulf Frank, Chef der Gerstunger Gemeindewerke. Er und der Bürgermeister sind Freunde geworden während dieser Zeit der großen Anstrengung. Selbst Gegnern der Gerstunger Politik nötigt Hartungs Hartnäckigkeit Respekt ab. "Er ist immer höflich, aber auch ein wenig Schlitzohr", sagt Unterbreizbachs Bürgermeisters Roland Ernst (pl). Etwa 800 Unterbreizbacher arbeiten im Kaliwerk. K+S zahlt die gesamten Gewerbesteuern. "Er gewinnt die Leute und die Medien für sich, weil er immer noch eine Neuigkeit aus dem Hut zaubert", nennt Roland Ernst Gründe für die Beliebtheit Hartungs. Also doch Asterix. Den Schnauzbart trägt er schon wie der Gallier.

Christian GRIMM 12.12.2008

Quelle: Thüringer Allgemeine vom 13.12.2008

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