Aktuelles Gemeindeportrait Rathaus Bürgerservice Wohnen & Wirtschaft Freizeit & Tourismus Bildung & Soziales
Einheitsgemeinde Gerstungen
Ortsteile: Gerstungen | Lauchröden | Oberellen | Unterellen | Neustädt | Sallmannshausen
Ortsteil LAUCHRÖDEN
Aktuelles
Aktuelles
  Veranstaltungen  
  Bekanntmachungen  
  Ausschreibungen  
  Auftragsvergabe  
  Wahlen  
  Wetter  
  Amtsblatt  

Im Brennpunkt

Do 14.02.2008

Wind trägt Schadstoffe gen Süden

Schlot im Windkanal getestet: Zwei neue Gutachten gegen Anlage in Heringen

Dippach - "Die Müllverbrennungsanlage Heringen belastet die Gesundheit der Anwohner im Werratal durch krebserzeugende Stoffe und Schwermetalle weit oberhalb der gesetzlich zulässigen Grenzwerte", sagte Matthias M. Möller-Meinecke, Fachanwalt für Verwaltungsrecht. Er vertritt die kommunale Klagegemeinschaft aus den Gemeinden Gerstungen, Dippach, Dankmarshausen und der Stadt Berka gegen die vom Regierungspräsidium Kassel genehmigte Müllverbrennungsanlage (MVA) der Braunschweiger Kohlebergwerke AG (BKB) in Heringen. "Der Standort Heringen ist daher mit seinen steilen Hanglagen und den häufig austauscharmen Wetterlagen für den Betrieb einer Müllverbrennungsanlage ungeeignet."

Seine Bewertung der Situation ist die Schlussfolgerung aus zwei neuen Gutachten, die am Mittwoch von der Bürgerinitiative "Für ein lebenswertes Werratal" in Dippach vorgestellt wurden. Zum einen handelt es sich um eine neue Immissionsprognose von Dr. Michael Schorling aus München, in der die realen Windverhältnisse am geplanten Standort entsprechend der Empfehlungen des Deutschen Wetterdienstes Offenbach in einem mathematisch aufwendigen Rechenprogramm berücksichtigt werden.

Schorlings Ergebnis: Die MVA stößt krebserregende Stoffe und Schwermetalle aus, die die Grenzwerte der Technischen Anleitung (TA) Luft, so heißt die gesetzliche Vorgabe, um das Fünffache überschreiten.

Die kommunale Klagegemeinschaft hat die Immission mit einer zweiten Methodik von der Technischen Universität Berlin prüfen lassen, in dem man den Schlot der sich bereits im Bau befindlichen Müllverbrennungsanlage erstmals hat dampfen lassen - im Windkanal und als Bestandteil eines realitätsgetreuen Modells des Werrabeckens. Professor Christian Oliver Paschereit (TU) konnte mit dieser Untersuchung die Ergebnisse Schorlings bestätigen: Das Gutachten des Anlagebetreibers BKB berücksichtige nicht die steilen Hanglagen des Werra-Beckens. Sie würden aber auf die Ausbreitung der Schadstoffe einen entscheidenden Einfluss ausüben. "Im Windkanal prallen die Giftstoffe der MVA auf diese Hänge südlich von Heringen und im Norden in Dippach und führen dort zu einer Überschreitung der Grenzwerte der TA Luft", heißt es in der Klagebegründung.

——————

Das ist fünf Mal so viel Gift wie zulässig.

Matthias Möller-Meinecke

——————



Rechtsanwalt Möller-Meinecke führte neun Sachverhalte an, die der Klage zum Erfolg verhelfen sollen. Zum einen habe man im BKB-Gutachten um 20 Grad an der "Windrose gedreht", so dass die Werraberge im Süden kein Hindernis mehr darstellten. Man würde mit "Tunnelblick" nur einen Teil des Werratals betrachten und die "dicke Suppe verkennen", die sich durch die austauscharme Wetterlage an 20 Prozent der Wintertage im Werrabecken bilde. Zudem habe man die steilen Hanglagen nicht berücksichtigt und die Vorbelastungssituation ignoriert, erklärte der Anwalt. "Durch industrielle Tätigkeit abgelagertes Cadmium und Blei addiert sich mit der Immission der MVA auf", sagte Möller-Meinecke. Hinzu kämen noch Vorbelastungen durch Stäube von den Halden und die Abluft des Kalischachtes. "Hier ist es dringend angeraten, Messungen vorzunehmen." Ein weiterer Kritikpunkt in der Klagebegründung sei zwar nur ein formaler aber dennoch interessanter: Nämlich die Abweichung des Genehmigungsbescheides vom Regionalplan Nordhessen. Der sehe in Heringen keine MVA vor und ein notwendiges Raumordnungsverfahren habe es auch nicht gegeben.

Die Zweifel daran, dass die Methodik zur Immissionsermittlung des Anlagebetreibers realistisch ist, haben überwogen und man entwickelte eigene Methoden. Das mathematische und das experimentelle Ergebnis ergaben im Testvergleich: In allen Methoden würden die Ergebnisse über denen des Betreibers liegen. Fluorwasserstoff 132 Prozent bei 100 Prozent nach TA Luft. Stickstoffoxid 254 Prozent, Krebserreger gar 575 Prozent und Nickel 571 Prozent. "Das ist fünfmal so viel Gift wie nach der TA Luft zulässig", so der Anwalt. Seine Prognose für den Ausgang des Prozesses, der voraussichtlich in diesem oder dem nächsten Jahr vor dem Verwaltungsgericht Kassel geführt werden dürfte, klingt optimistisch für die MVA-Gegner. "Der Tunnelblick des Betreibers hat dafür gesorgt, dass in Gemeinden (die nach den neuen Gutachten doch von der Belastung betroffen sein werden Anm.d.Red.) die Antragsunterlagen gar nicht ausgelegt wurden und daher die immissionsrechtliche Genehmigung schon aus rein formellen Gründen nicht rechtens ist." Zudem sei der Standort nicht raumverträglich, weil es kein Raumordnungsverfahren gegeben habe. Die Prognose für die genehmigten Werte überschreite das gesundheitlich verträgliche Maß und das BKB-Gutachten berücksichtige weder die besondere Wetterlage noch die Blockade durch die Werra-Hänge. "Ich wage die Prognose, dass die immissionsrechtliche Genehmigung des Regierungspräsidiums Kassel keinen Bestand haben wird. Auch Gerichte lassen sich nicht von bereits in Beton gegossenen Millionen beeindrucken. Mit diesen Gutachten haben die Bürgerinitiative und die kommunale Klagegemeinschaft gute Argumente vorzubringen", meint Möller-Meinecke.

Quelle: Südthüringer Zeitung 14.02.2008

Druckversion