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Im Brennpunkt

Mi 24.10.2007

Wenn der Platz für die Salzlauge nicht reicht

Die Verhandlungen zwischen K+S und der Gemeinde Gerstungen sind beendet, doch niemand ist zufrieden

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Gerstungen - Gemeinderatssitzungen, sonst eher dröge Veranstaltungen, geraten in Gerstungen derzeit zu wahren Straßenfegern. Rund um den "Rautenkranz"-Saal herrscht am Montagabend akute Parkplatz-Not, drinnen drängen an die 200 Zuhörer.

Und das trotz anspruchsvoller Kost. Von "Ionen-Mischungslinien" ist die Rede, vom "Massenbildungsgesetz" sowie der "Dolomitisierung im Kalk-Zechstein". Der Geologe Ralf Krupp erläutert sein Gutachten für die Gemeinde, Folie um Folie mit Daten, Diagrammen, Bildern füllt die Leinwand, am Ende belohnt Krupp die Geduld im Saal mit Volkstümlichkeit: "Die Gerstunger Mulde ist schon lange voll."

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Gerstungen
droht
zu versalzen

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Mit Kali-Lauge. Denn "versenkt" wird von der Kaliindustrie schon seit über 70 Jahren, es sind Hunderte Millionen Kubikmeter inzwischen, und sie fließen ebenso langsam wie unerbittlich. Krupp hat Karten dabei, sie zeigen das unterirdische Vorrücken der Lauge vom hessischen Kleinensee, vom thüringischen Dankmarshausen, schon um 1980 herum hatte der verborgene Salzstrom Gerstungen erreicht. Dort noch mehr Lauge 500 Meter nach unten zu pumpen, so die Botschaft, war von vornherein ein Fehler. Denn der Druck in der Tiefe schickt sie wieder nach oben, in die Brunnen, Gewässer und Böden. Gerstungen droht zu versalzen, mehr oder weniger.

"Gefahrenabwehr" nennt Bürgermeister Werner Hartung deshalb den Widerstand gegen neue Versenk-Wünsche des Konzerns Kali und Salz (K+S). Gerstungen will, dass K+S künftig anders entsorgt und bis dahin sich verpflichtet, jedweden Schaden durch Lauge in der Gemeinde zu bezahlen sowie eine Notfall-Wasserversorgung und, im ärgsten Falle, für 20 bis 30 Jahre die Differenz auszugleichen zwischen dem jetzt billigen Wasser aus den Brunnen und einem eventuell nötigen Fernwasserbezug. 25 Millionen Euro, sagt Hartung, hätte K+S dafür zusichern sollen.

Dieser Abend sollte einer des Triumphs werden sollen für Gerstungen, noch bis zum Mittag waren sie sicher, die Landesregierung würde nicht wanken. Nun aber sickert Enttäuschung aus den Sätzen von Hartung. Er spricht von einer "nicht nachvollziehbaren Wende", die das Versenken nun bald wieder erlaubt.

Nicht zum ersten Mal scheint der Konflikt um die Lauge auch ein Streit der Interpretation zu sein. Wie schon vor zwei Wochen legen die Beteiligten die Ergebnisse ihres Spitzengesprächs höchst unterschiedlich aus. Die Gerstunger Variante heißt: K+S bekommt zunächst eine sechsmonatige Genehmigung, baut ein paar vorher abgebaute Messstellen wieder auf und muss, damit das Versenken weiter gehen kann, nur alle paar Monate irgendwie bemüht wirken um alternative Entsorgungen.

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Baldus ist
verärgert über
Kali-Bosse

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Der Konzern selbst hat angekündigt, nun nur zwei Jahre Versenken mit leicht reduzierter Menge zu beantragen, versteht das offenbar jedoch nur als erzwungene Atempause. Denn bereits kurz nach dem Gespräch in Erfurt lässt Vorstand Ralf Diekmann verbreiten, man erwarte nun von den Thüringer Behörden eine "zügige Entscheidung" über den beantragten Regelbetrieb - also über fünf Jahre und noch höhere Laugenmengen als bisher. Von einer Risiko-Übernahme für Gerstunger Schäden ist keine Rede, nicht einmal mehr von einem Ersatz-Notwasserbrunnen wie bisher.

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Gemeinde
hält am
Widerspruch fest

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Im Erfurter Umweltministerium wiederum heißt es, eine kurz befristete "Verlängerung des Probebetriebs" sei überhaupt nur dann möglich, wenn ein neues Gutachten des Ministeriums selbst dazu Entwarnung gebe und der Konzern eine "finanzielle Vorsorgeleistung" für Gerstungen garantiere. Ansonsten wählt Umwelt-Staatssekretär Stefan Baldus (CDU) am Morgen danach ziemlich drastische Formulierungen für seinen Ärger über die Kali-Bosse: Eine "grobe Zumutung" sei Diekmanns Statement und ziehe "ein weiteres Mal die Ernsthaftigkeit" der Verhandlungsführung durch K+S in Zweifel. Die zuständigen Thüringer Behörden würden nun "alle rechtlichen und tatsächlichen Möglichkeiten nutzen, um das Gerstunger Trinkwasserdargebot zu schützen". Was übersetzt wohl heißt: Kommt das Ministerium zum selben Befund wie Geologe Krupp, hat K+S für das Versenken höchstens noch eine letzte Galgenfrist - und die nur dann, wenn der Konzern ein Versicherungspaket für Gerstungen schnürt.

Dort bereitet man sich derweil auf die nächsten Schritte im Laugen-Streit vor. Zum einen, so der Gemeinde-Rechtsanwalt Alexander Reitinger, halte man am Widerspruch gegen die abgelaufene Versenk-Erlaubnis fest, um aus der Entscheidung Fingerzeige für das Vorgehen gegen eine neue Genehmigung zu erhalten. Dies könnte im Widerspruchsverfahren bis zum Thüringer Oberverwaltungsgericht oder per Zivilklage bis zum Bundesverwaltungsgericht gehen.

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Salzgrube in
Springen als
Speicher?

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Wie auch immer die Nicht-Einigung vom Montag interpretiert wird, so ist doch klar: Mindestens für einige Wochen darf K+S keine Lauge mehr in die Gerstunger Mulde pressen. Wie lange trotzdem in Unterbreizbach produziert werden kann, gehört aber offenbar zu den vielen Geheimnissen des so oft gepriesenen "Weltkonzerns". Während Vorstand Diekmann am Montag von "nur wenigen Tagen" Luft in den Sammelteichen sprach, deutete sein Kollege Grimmig in Erfurt zusätzliche Speicherräume für "einige Wochen" an. Fotos, die von der Bürgerinitiative "Für ein lebenswertes Werratal" zu Wochenbeginn gemacht wurden, weisen auf eine ziemlich überraschende Lösung hin. Demnach wurde in die Versenkleitung aus Unterbreizbach unweit von Springen ein Schieber eingebaut, der die Lauge umlenken könnte zur ehemaligen Salzgrube "Springen 2". Dort wäre nach Einschätzung alter Kalikumpel "Platz für Jahre".

Tatsächlich spielt die Grube schon seit längerem eine Rolle in der Debatte um Salzabwasser, zum Beispiel im entsprechenden "Pilotprojekt" des Regierungspräsidiums Kassel. Allerdings nicht als Laugen-Speicher, sondern genau anders herum: Die sich dort sich immer wieder bildende Salzlösung - immerhin bis zu 100 000 Tonnen jährlich - wird seit 1986 in die Werra bei Dorndorf gepumpt. Käme nun wesentlich mehr Lauge hinein als bisher heraus, befürchtet Geologe Krupp den Effekt, der schon an zahlreichen Versenkorten eingetreten ist: "Irgendwann tritt das Salzwasser wieder aus - und zerstört das nächste Stück Umwelt."

Das Thüringer Umweltministerium bestätigte auf Anfrage, dass K+S die Salzgrube als "vorläufigen Ersatz" für das Versenken nutzen wolle. Allerdings braucht der Konzern dafür eine Genehmigung des Landesbergamtes - die er erst gestern beantragt hat.

von Redaktionsmitglied Jens Voigt

Quelle Freies Wort vom 24.10.2007

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