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Fr 14.09.2007 13:00

zur Problematik "Kalilaugenversenkung"

Was passiert im Untergrund?
Diese Frage galt und gilt es weiter auf Grund der noch laufenden Bergerprobung und eines Genehmigungsantrages der K+S Kali GmbH zu klären. Die Gemeinde Gerstungen ist als Träger öffentlicher Belange, hier im besonderen Fall als Trinkwasserversorger zum "Antrag auf Erteilung einer wasserrechtlichen Erlaubnis zur Einleitung (Versenkung) von Salzabwasser in den Untergrund (Pufferspeicher Gerstunger Mulde) sowie Rückförderung von salzhaltigen Grundwasser aus dem Pufferspeicher Gerstunger Mulde und dessen Einleitung in die Werra" am Verfahren beteiligt.

Nach der Prüfung der umfangreichen und komplizierten Unterlagen musste durch die Verwaltung eingeschätzt werden, dass nicht alle im Antrag enthaltenen Unterlagen schlüssige und nachvollziehbare Informationen enthalten. Nach Bestätigung durch den Gemeinderat wurde speziell für den Genehmigungsantrag ein unabhängiger Geologe und ein Rechtsanwalt mit weiteren Prüfungen beauftragt.

Die Sitzung des Gemeinderates Gerstungen am 04.09.2007 im Rautenkranz war zur abschließenden Meinungsbildung zum K+S-Versenkantrag anberaumt. Neben dem Antragsteller, der K+S Kali GmbH, welcher mit sechs Vertretern - darunter drei Akademiker - … folgten auch sechs Landtagsabgeordnete! Vertreter von Landes- und Kreisbehörden, Kommunalpolitiker aus Hessen und Thüringen sowie weiter ca. 100 interessierte Gäste aus dem Werratal der Einladung zur Sitzung.

Die Kaliindustrie hat zurzeit vier Entsorgungstechnologien, die bis auf den Versatz von NaCl in die Carnallititkuppen unter Tage keine nachhaltige umweltschonende Entsorgung darstellen, sondern über Jahrzehnte und im Falle der Kalihalden über Jahrhunderte unsere Umwelt und im Besonderen das Trinkwasser und die Werra belasten. In dem zu bewertenden Antrag geht es um die Versenkung der Kalilauge über drei Versenkbrunnen (Steinau, vor dem Schwimmbad und im Forst) in den Plattendolomit des Pufferspeichers Gerstunger Mulde und deren Rückförderung bei höherem Wasserstand in die Werra.

Die Versenkung von Kalilauge in den Plattendolomit wird bereits seit 1925 praktiziert. Ziel war es, die Werra und Weser durch die jährlich mehr werdenden Laugenmengen nicht noch höher zu belasten, da zum Teil aus den Flüssen auch Trinkwasser gewonnen wurde. Doch im Laufe der Zeit musste man erkennen, dass die versenkte Kalilauge über Störstellen im Untergrund salzhaltiges Formationswasser und in Folge auch wertvolles Trinkwasser verdrängt und letztlich selbst unkontrolliert wieder an die Oberfläche gelangt. Man geht heute davon aus, dass von der ca. 1 Milliarde m³ versenkter Lauge 40 %, also 400 Millionen m³ als diffuse Quellen wieder and die Oberfläche und somit auch in die Werra gelangt sind.

Auf dem Weg der Lauge vom Plattendolomit bis in die Werra wurde der Großteil der Trinkwassergewinnungsanlagen unserer Region zerstört. Gerade die überaus großen Schäden im Bereich der Trinkwasserversorgung veranlassten 1968 die damaligen DDR-Behörden, die Versenkung einzustellen und ab da die Produktionsabwässer komplett in die Werra einzuleiten. Die Folgen waren, wie nicht anders zu erwarten, für das Gewässer verheerend. Die Werra wurde praktisch zu einem toten stinkenden Fluss. Die berechtigte Kritik der alten Bundesländer veranlassten die DDR-Behörden zur Suche und Erkundung neuer Versenkräume in unserer Region. Noch unmittelbar vor der Wende wurden für die Versenkung in Gerstungen die maßgeblichen Einrichtungen hergestellt. Auf Grund der jahrzehntelangen negativen Erfahrungen im Bezug auf die Gefährdung für das Trinkwasser sollte jedoch damals, vor Versenkbeginn, Ersatzwasser für die Thüringer Gemeinden unseres Werratales bereitgestellt werden. 40 Mill. DDR-Mark wurden eingeplant, da man davon ausging, dass sowohl die Gerstunger Brunnen als auch die Brunnen im Gebiet der Horschlitter Mulde der Versenkung zum Opfer fallen.

Nach der Wende wurden durch K+S die DDR-Pläne aufgegriffen und alles übernommen, was für eine kostengünstige Entsorgung brauchbar war. Nicht übernommen wurde das umfangreich belegte Risiko für die Trinkwasserversorgung. Seitdem wurden mehrere Versenkversuche durchgeführt, bei denen die Gemeinde Gerstungen als Kritiker immer weniger beteiligt wurde.

Nicht nur gegenwärtig meine Person, auch mein Amtsvorgänger Herr Manfred Schramm hatte die Informationspflicht durch K+S und Behörden angemahnt - jedoch ohne Erfolg. Selbst riesige Überschreitungen von Prüfwerten ab dem Jahr 2003 waren kein Anlass, die Gemeinde Gerstungen in geeigneter Form zu informieren. So haben wir erst mit Übergabe des Antrages zum Regelbetrieb von den gravierenden Veränderungen im Untergrund erfahren. Das praktizierte Ignorieren der gemeindlichen Interessen, vor allem für das Trinkwasser, aber auch für Flora und Fauna des Gerstunger Gemeindegebietes führte zwangsläufig dazu, weitere eigene Messungen zu veranlassen, deren Ergebnisse zum Teil für uns schockierend waren.

Durch die Verwaltung und den beauftragten Experten wurden bislang 14 auffällige Veränderungen im Deckgebirge - also auch im Buntsandstein als unseren Trinkwasserleiter - festgestellt. Die auffälligsten Veränderungen haben sich in unseren Notwasserbrunnen "Kohlbach II" unterhalb der Bettelbank ereignet. Das Diagramm auf der Titelseite zeigt das sprunghafte Ansteigen der verschiedenen Salzionen ab dem Jahr 2003, just ab dem Jahr in dem mit ca. 1,5 Mill. m³ Lauge die größte Versenkmenge zu verzeichnen war. Das Diagramm vom Antragsteller K+S wurde nach der senkrechten roten Linie durch Messungen des Eigenbetriebes ergänzt. Bei einzelnen Salzkomponenten ist ein Anstieg auf das ca. 50fache erkennbar.

Auch Diagramme anderer Kontrollbohrungen zeigen einen auffällig ähnlichen Verlauf. Während der Antragsteller die Diagramme aus dem Plattendolomit als Erfolg für die prognostizierte Versenkung wertet und die Veränderungen der Versenktätigkeit zuordnet, sollten alle Veränderungen im Buntsandstein (darüber liegender Trinkwasserleiter) natürlicher Art sein. Nicht nur wir, sondern auch viele real denkende Menschen interpretieren die offensichtlichen Ähnlichkeiten anders. Gestützt werden unsere Behauptungen, dass es bereits Beeinflussungen durch die Versenktätigkeit des Deckgebirges gibt durch die Tatsache, dass nicht nur enorme Messerhöhungen an Kontrollstellen zu verzeichnen sind, sondern auch durch die Tatsache, dass neue Salzwasseraustritte in Gräben des Gerstunger Forstes zu verzeichnen sind. Diese wiederum beeinflussen Angelgewässer und sogar ein Naturschutzgebiet.

Eine umfassende Bewertung aller Veränderungen während der Erprobung kann und möchte ich an dieser Stelle nicht vornehmen. Ich kann Ihnen jedoch versichern, dass in der gemeindlichen Stellungnahme durch unsere beauftragten Experten der Antrag auf Versenkung und die zwischenzeitlichen Veränderungen während der Bergerprobung voll umfänglich nach bestehendem Recht bewertet wurden. Das Fazit der über 100seitigen Stellungnahme ist, dass der K+S-Antrag auf Grund von Verstößen gegen das Deutsche Wasserhaushaltsgesetz in Verbindung mit der Europäischen Wasserrahmenrichtlinie zu versagen ist. Sollten die rechtsstaatlichen Mittel nicht zu einer Versagung führen, ist beantragt, Ersatz in der Form zu leisten, dass die Kosten für Ersatztrinkwasser gleicher Qualität, gleichen Drucks, am gleichen Leistungsort und vor allem auch zum gleichen Preis dem Antragsteller aufzuerlegen ist. Gleiches gilt für Ersatz von Schäden an gemeindlichen Bauwerken wie Gebäuden, Kläranlagen oder Kanalisation.

Die insgesamt ablehnende Haltung der Gerstunger Gemeinderäte zum Versenkantrag bedeutet keinesfalls eine Ablehnung der Kaliindustrie in unserer Region, sondern sie soll vor allem die Rechte der Gerstunger Bürger sichern.

Die Aussage der K+S-Führung "… nur mit der Versenkung und Einleitung von Lauge in die Werra können wir die Arbeitsplätze in Unterbreizbach erhalten." können wir nicht teilen. Es gibt Alternativen, welche Arbeitsplätze langfristig sichern und die Umwelt nur geringfügig belasten. Diese Kosten zwar richtig Geld, aber durch einen Teil der riesigen Unternehmensgewinne und evtl. durch öffentliche Mittel kann kurzfristig die "Billig-Entsorgung" durch eine nachhaltige Entsorgung abgelöst werden.

Werner Hartung
Bürgermeister

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