Aktuelles Gemeindeportrait Rathaus Bürgerservice Wohnen & Wirtschaft Freizeit & Tourismus Bildung & Soziales
Einheitsgemeinde Gerstungen
Ortsteile: Gerstungen | Lauchröden | Oberellen | Unterellen | Neustädt | Sallmannshausen
Ortsteil LAUCHRÖDEN
Aktuelles
Aktuelles
  Veranstaltungen  
  Bekanntmachungen  
  Ausschreibungen  
  Auftragsvergabe  
  Wahlen  
  Wetter  
  Amtsblatt  

Aktuelles

Mo 04.09.2006 15:20

Angst vor der Müllverbrennungsanlage? ... ein Beitrag von W. Weiß Unterellen

"Angst essen Seele auf…"

lautet ein arabisches Sprichwort und gab einem Kultfilm von Rainer Werner Fassbinder seinen Namen. Angst hat sich auch nach dem Bekanntwerden zur Errichtung einer Müllverbrennungsanlage bei Heringen breit gemacht und viele Bürger aus der thüringischen Umgebung im Werratal aktiviert.

An einem Sonntag, und mit dem 13. August gut ausgewählt, hatten sich Menschen zu einem Sternmarsch nach Dippach formiert um dagegen zu protestieren. Solche Sternmärsche sind aus der Friedensbewegung bekannt. Um Frieden ging es auch den zahlreichen Demonstranten, die aus Dankmarshausen, Dippach, Berka/Werra und dem Umfeld kommend, sich zu einem Zug vereinigt hatten, um ihre Sorgen kund zu tun. Sorgen um ihren Seelenfrieden vor den möglichen Folgen für ihre Gesundheit, und der nachkommender Generationen.

Leider gibt es aber auch viel Gleichgültigkeit und Einstellungen, die dem heiligen Sankt Florian zur Ehre gereicht hätten, nach dem Motto "lasst andere für mich die Kastanien aus dem Feuer holen". Wer sich aber so in Sicherheit wiegt und annimmt, dass die Giftwolke sich nur, wie dargestellt, bis zu 3,5 km Luftlinie vom Ursprungsherd verbreitet, ist mehr als auf dem Holzwege. Sie reicht weit in das Werratal hinab, wenn der Wind günstig weht und der kommt
größtenteils aus westlicher Richtung.

Ich habe in einem Buch des Forscherehepaares Dr. Marianne Dörfler und Dr. Ernst Dörfler zum Gefährdungsausmaß durch Luftschadstoffe folgendes gelesen:" …sowohl die Zahl als auch die Reichweite der Schadfaktoren sind um Größenordnungen gewachsen. Die Wirkungen treten an anderen Orten und oft viel später auf. Ein absterbender Kiefernwald liegt 150 km von Los Angeles, dem Absender tödlicher Schadstoffe, entfernt.

Allen Desinteressierten sei gesagt, dass spätere Nachbesserungen an einer einmal bestehenden Anlage nichts Wesentliches mehr verändern können. Sie sind nur Makulatur und Beruhigungspillen ohne Wirkung. Wer jetzt nicht in Unruhe versetzt wird, welcher anlässlich der Demonstration vom toxikologischen Gutachten des künftigen Betreibers erfahren hat, dass bei Betrieb der Anlage das Lebensalter der betroffenen Einwohner im Wirkungsbereich sich um etwa ein Jahr verkürzen kann, hat eigentlich schon mit dem irdischen Leben abgeschlossen. Selbst Todkranke kämpfen um jede Minute, die ihnen noch vergönnt ist und wer will sich dann mit einem Jahr früher Sterben abfinden?

Obwohl jeden Normalempfindenden nach alledem der Sinn nach Humor sicher vergangen ist, wage ich einen Vergleich mit einem Streich von Max und Moritz, den sie heimtückisch der Witwe Bolte angetan haben. Sie schnitten vier Stückchen Brot, legten sie in den Hühnerhof, befestigten sie an miteinander verbundenen Stricken und warteten schadenfroh auf das Kommende. Das Ende ist bekannt, wer Wilhelms Busch gelesen hat.

Auch in unserem Stück ist ein Streich im Spiel an dem vier Teilhaber beteiligt sind, nur Menschen statt Hühner.
Der größte Brocken ist für den Hahn, oder hier für den Betreiber. Gerechterweise muss man einem Unternehmen Gewinnwirtschaftung gönnen, damit die Arbeitnehmer Lohn und Brot finden, dass Investitionen getätigt werden und das man konkurrenzfähig bleibt. Das ist so in der Marktwirtschaft. Aber Gewinn um jeden Preis ist nicht zu verzeihen. Es widerspricht sogar dem Grundgesetz Artikel 14, Absatz 2, in dem die Sozialträchtigkeit des Eigentums festgeschrieben steht: "Sein Gebrauch soll zugleich dem Wohle der Allgemeinheit dienen."
Es ist schwer vorstellbar, dass u. a. Kali und Salz, ein prosperierendes Unternehmen wie wenige in Deutschland, unverzichtbar auf eine "Müllverwertungsanlage" angewiesen ist, die absehbar das Wohl und Weh vieler Menschen, ja ihrer eigenen Kollegen aufs Spiel setzen wird. Das wäre eine Gier, die dem Unternehmen schlecht zu Gesicht stehen würde.
Vielleicht gibt es ein Einsehen. Es wäre zu hoffen.

Hoch oben im nahe zu 8000 m Höhe im Himalaja ist ein buddhistischer Wallfahrtsort mit einem übergroßen tibetischen Lebensrad. Darauf sind die Hauptlaster der Menschen verkörpert, die Körper und Seele vergiften: Neid, Hass und Verblendung. Wer sie überwindet, findet die Erleuchtung, das Nirwana.

Ich wünsche von Herzen, dass auch ohne beschwerlichen Aufstieg ins Hochgebirge die Verantwortlichen zur Erleuchtung gelangen, das Geld nicht alles ist. Sie würden sich ein bleibendes Denkmal der Vernunft setzen, verzichten sie auf eine Anlage, die, auch wenn mit dem höchsten Stand der Technik ausgerüstet, eine ständige Gefahr bleiben wird. Feinstäube hält auch der beste Filter und das stabilste Abwehrsystem im menschlichen Körper auf Dauer nicht zurück. Der unsichtbare Feind ist bekanntlich am gefährlichsten.

Die Verfahrenstechnik ist heute sicherlich auf ein hohes Niveau und es gibt höchstwahrscheinlich Kenntnis darüber, was bei der Verbrennung eines Stoffes entsteht. Wie mehrere Stoffe aber bei der Verbrennung untereinander reagieren und welches Giftgemisch dabei entstehen kann, bleibt sicher im Dunklen.

Die zuständige Genehmigungsbehörde beim Regierungspräsidium Kassel stellt den zweiten Brocken dar. Beurteilt sie vorurteilsfrei nach dem Umweltverträglichkeitsprüfungsgesetz, denn dieses ist auf Grund der Umwelterheblichkeit anzuwenden, stellt sich zuerst die Frage: Ist das Vorhaben unumgänglich oder lässt sich das gleiche Ziel auf anderem Wege, etwa durch eine geordnete Deponierung mit partieller Wertstoffrückgewinnung erreichen?
Ist der Standort richtig gewählt und ließe sich das Vorhaben an anderer Stelle umweltfreundlicher gestalten. Dann stellt sich die Frage nach der Ausgleichbarkeit auf die belebten und unbelebten Schutzgüter, in deren Mittelpunkt der Mensch steht. Die Antwort kann theoretisch vorweggenommen werden. Zumindest für das Schutzgut Mensch und die anderen belebten Schutzgüter ist der Umwelteingriff so gewaltig, dass er nicht auszugleichen ist. Also wäre das Vorhaben abzulehnen, wenn die Abwägung aller bedeutsamen Faktoren objektiv und vorurteilsfrei erfolgt.
Was aber ist, wenn geschönte Gutachten im Sinne des Betreibers die Umwelterheblichkeit in Frage stellt oder verniedlicht, wie bereits geschehen? Dann steckt der Brocken tief im Schlund und das Unheil nimmt, wie auf dem Hühnerhof, seinen tragischen Lauf.

Am dritten Brocken haben sich schon mehrere verschluckt. Er bekommt indes denen am besten, die sich als politische Vertreter der Bürger einen Namen machen wollen. Hier ist die Selbstdarstellung das Ziel und nicht die Verwirklichung der Versprechungen, insbesondere wenn die nächste Wahl in weiter Ferne liegt. Die Politiker aber könnten das Zünglein an der Waage sein. Haben sie doch geschworen, alles zum Wohle der ihnen anvertrauten Wählergemeinschaft zu tun, auch für die Gesunderhaltung derer, die noch keine Wählerstimme haben.

Es geht einem Großvater und einer Großmutter schon an die Nieren, wenn auf dem Rücken eines etwa 3-jährigen Mädchens, dass an der Demo teilgenommen hatte, geschrieben steht "Ich will auch alt werden." Noch ist es nicht zu spät für eine eindeutige Positionierung gegen das Vorhaben für die Menschen im Werratal und für die Kumpel unter Tage, die mehr als alle anderen auf saubere Luft in der Tiefe angewiesen sind.

Der vierte Brocken ist die kleinste und am leichtesten klein zu kriegen, er stellt die betroffenen Bürger dar. Aber ich habe Hoffnung geschöpft, wie sich die formierte Bürgerbewegung aus couragierten, verantwortungsbewussten Umweltaktivisten mit Leidenschaft auf der Demo vorgestellt hat. Hut ab vor diesen mutigen Menschen, die über den Tellerrand hinausblicken und der nachfolgenden Generation im wahrsten Sinne die Luft gönnen wollen!

Wenn meine Hoffnung wahr wird, dann quillt das kleine Bröckchen, dass sich daran die Angstmacher den Appetit verderben werden. Das symbolisierte kleine Brotstück braucht zum Quellen aber Solidarität und nicht nur derer, die im Kernbereich von 3,5 km wohnen.

Meine Frau und ich haben wahres Solidaritätsgefühl mitten im Demonstrationszug, in der Gemeinschaft Gleichgesinnter erlebt und haben mit gutem Gefühl ein Transparent getragen, weil es einer guten Sache galt.
Ich wünsche uns allen, dass niemand, der jetzt noch wartend und zaudernd sich auf andere verlässt und die "Kastanien von anderen aus dem Feuer holen lässt," dies eines Tages bereuen muss.

Es liegt nun an den vier Partnern, dass sie sich nicht unlösbar wie Witwe Boltes Hühner in Unheil verstricken und dass der Bubenstreich von Max und Moritz doch nur eine erdachte Humoreske von Wilhelm Busch darstellt, das alles bleibt wie bisher und die Angst vergeht, wie es das arabische Sprichwort ausdrücken will.
Dazu wünsche ich uns allen das Beste.

W.W.

Druckversion